Welchen Wert hat die Stadt?

Interdisziplinäres Symposion ›Bewertung urbaner Räume‹ – Diskursive Ressourcen und kommunikative Praxis in Einstellungen zur Stadt

2. bis 4. November 2011, Haus der Wissenschaft, Bremen

Wie werden urbane Räume (sprachlich) bewertet? Welche Akteure bewerten urbane Entwicklungen in welchen Modalitäten? Und welche Werte werden aus welchen Interessen heraus in städtische Räume eingeschrieben? Das internatio­nale USRN-Symposion »Bewertung urbaner Räume« stellte vom 2. bis 4. November 2011 in Bremen diese zentralen Fragen der aktuellen Stadtentwicklung in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Sprach- und Kommunikationswissenschaften, aus Stadt­forschung, Soziologie, Architekturtheorie, Politologie, Wirtschaftswissenschaft und anderen Disziplinen diskutierten im Haus der Wissenschaft im Bremer Stadtzentrum die vielschichtigen und transdiszi­pli­när verlaufenden Zusammenhänge zwischen der materiellen Stadtumgebung, gesellschaftlichen Machtstrukturen und der diskursiven, sprachbasierten Bewertungspraxis von Städten.

Durch das breite Spektrum der Präsentationen und anschließenden Diskussionen zog sich die Frage nach Formen der kommunikativen Bewertungspraxis (Alltagsgespräche, mediale Aufmerksamkeit, Protest usw.) und nach Feldern von Wertarrangements in Städten (Gebäude, Wirtschaftskraft, kreative Szenen usw.) als Roter Faden hindurch.

Aus den angeregten interdisziplinären Diskussionen kristallisierten sich insbesondere die Aspekte der Performativität von Bewertungen, der diskursiven Hervorbringung und Appropriation als Mittel der Diskursorganisation im Sprechen und Schreiben über urbane Räume als gemeinsame Forschungsschnittstellen heraus. Bewertungshandlungen wirken als Zuschreibungs-prozesse; sie bringen Werte und urbane Wirklichkeit hervor, respektive halten diese aufrecht. Die aus diesen diskursiven Bewertungshandlungen resultierenden Werte erscheinen somit als intendierte Zwecke oder nicht-intendierte Effekte sozialen Handelns, vor allem auch im Medium der Sprache.

Die Aneignung urbaner Räume durch bestimmte Akteure gestaltet sich entsprechend den (ökonomi­schen, medialen, diskursiven etc.) Ressourcen, welche diese zur Verfügung haben, und verläuft agonal, wie die Beiträge und die Diskussion am Symposion immer wieder zeigten.

(Für detaillierte Infos zur Veranstaltung siehe Aktivitäten)

Shpresa Jashari, Bremen

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„Berlins vergessene Mitte – Stadtkern 1840–2010“, Ausstellung im Ephraim Palais/Stadtmuseum Berlin, 21.10.10–27.03.11

„Kluge Entscheidungen zur Zukunft [eines] so bedeutsamen Areals [wie der historischen Mitte Berlins] erfordern die Kenntnisse seiner Vergangenheit.“ Diesem Leitgedanken folgt die Ausstellung „Berlins vergessene Mitte – Stadtkern 1840–2010“, die vom 21. Oktober 2010 bis zum 27. März 2011 im Ephraim Palais/Stadtmuseum Berlin stattfand. Die Ausstellung folgt dem Leitfaden einer ‚brauchbaren Vergangenheit’ und versteckt städteplanerisch nicht ihre Denkrichtung. Auf einer Wandtafel kommentiert sie folgendermaßen lakonisch den gegenwärtigen Stand der städtebaulichen Niederungen: „In der Senatsplanung hat die Gegenwart alle Rechte, die Geschichte fügt lediglich die Straßennamen hinzu.“ Die Ausstellungsmacher leisten einen beeindruckend differenzierten Beitrag zu gegenwärtigen städteplanerischen Debatten, indem sie ihnen historische Tiefenschärfe verleihen und dabei emphatisch den Blick auf die Kämpfe um die Deutungshoheit über urbane Räume frei legen. Dass etwa die Schlossplatzbebauung immer schon ein Politikum war, dürfte insbesondere die nostalgiewilligen Vertreter der Erinnerungs- und Repräsentationspolitiken rund um Berlins Mitte herausfordern.

Die Ausstellung fasst den städtebaulichen Wandel in einen Spannungsbogen zwischen architektonischem Repräsentationswillen und verkehrstechnischer Fortschrittsgläubigkeit, zwischen stadtplanerischem Modernisierungstrieb und unerschütterlichem Nostalgiewillen. Sie zeigt, dass die Stadt bereits immer schon Wandlungen – mit all ihren Ambivalenzen – unterworfen war. Architektur als formbare Masse, die sich der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, der DDR und der BRD anverwandeln kann: das ist noch keine überraschende Erkenntnis.

Die Stärke der Ausstellung liegt vielmehr darin, dass sie sich für die vielfältigen Formen der Darstellbarkeit, für die medialen Bedingungen der Wahrnehmungsmöglichkeiten des städtischen Raums interessiert. Sie hält sich dabei primär an die Fotografie. Auch hier spannt die Ausstellung einen Bogen, der die dokumentierenden und die ästhetisierenden Funktionen des Mediums umfasst. Damit sind grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Mit welchen Auswirkungen erinnern wir „Berlins vergessene Mitte“ mithilfe der Fotografie? Welches Raumgedächtnis entfalten die Bilder im Betrachter? Welches Raumgefühl erschließen sie in der Betrachterin? Berlin geht aus der Schau als Palimpsest hervor: zahllose Spuren wurden im Lauf der Zeit an diesem konkreten Ort getilgt, unzählige Erinnerung dem Erdboden gleich gemacht. Und gerade deshalb bleibt dieses Berlin immer im Werden begriffen. Der Ort konstituiert sich in Prozessen der Wahrnehmung fortwährend aufs Neue: Er bleibt gebunden an die Betrachterinnen und Betrachter, die sich zu ihm positionieren.

Carsten Junker, Bremen

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So isst die Stadt. Esskultur und die Eigenlogik der Städte

Konferenz
So isst die Stadt. Esskultur und die Eigenlogik der Städte
6. – 7. Mai 2011, TU Darmstadt

In Frankfurt isst man anders als in Marseille oder Kopenhagen. Können Städte also darüber charakterisiert werden, was und wie man in ihnen isst und trinkt?
Ausgehend von der These, dass Städte eigenlogische Formen der Vergesellschaftung hervorbringen, soll auf der Konferenz der Frage nachgegangen werden, wie sich das Spezifische einer Stadt in ihren Geschmack und ihre Kulinarik eingeschrieben hat. Kochen, Essen und Trinken sollen nicht als Phänomene in einer Stadt, sondern als verdichteter Sinnzusammenhang einer spezifischen Stadt verstanden und beschrieben werden. Wie schmeckt Wien und wie unterscheidet sich New York? Konkurrieren Städte auch über ihre spezifischen Esskulturen?
Am Beispiel der Esskultur soll die Frage gestellt werden, wie sich Städte unterscheiden und auf welche stadtspezifische Art und Weise Städte Essen und Trinken strukturieren. Als Phänomen, das in besonderer Weise die Identität von Städten prägt, ist das Thema besonders geeignet, Elemente der Eigenlogik der Städte zu untersuchen.

Programm

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The Distinctiveness of Cities | Modes of Re-Production

International Conference | 15th – 17th of June 2011, Darmstadt (Germany)

Keynote lectures by Helmuth Berking, Friedrich Lenger, Sujata Patel and Kurt W. Foster. Panels on body, space, power, infrastructure, knowledge and heritage with Gabriele Klein, Fran Tonkiss, Trutz von Trotha, Stephen Graham, Olivier Coutard, Ulf Mathiesen, Brenda S.A. Yeoh and many more.

Venice is different from London and in Mumbai we will expect to have radically other experiences than in Paris. The simple mentioning of city names calls up mental images in us, positive or negative, exotic or banal. Cities appear to be dynamic or progressive, cosmopolitan or sentimental, but what is the origin of such images and associations?

The question of the international conference “The Distinctiveness of Cities | Modes of Re-Production” is the intrinsic logic of cities. Six thematic fields will serve to structure the approach taken to these questions at the conference on “The Distinctiveness of Cities | Modes of Reproduction”: Body, Space, Power, Infrastructure, Knowledge and Heritage.

For further information on the conference agenda, speakers, lectures and registration details please visit our website: www.distinctiveness-of-cities.de

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„Wert und Bewertung urbaner Räume als Arrangement und Praxis“

Unter diesem Titel fand am 9. und 10. September der diesjährige USRN-Workshop im Haus der Wissenschaften in Bremen statt.

Als Koordinator des USRN und Veranstalter des Workshops eröffnete INGO H. WARNKE (Bremen) die Veranstaltung. Zentral sei nach Warnke die Entwicklung der Verstädterung der Gesellschaft und die Beobachtung, dass Kommunikation über eine Stadt immer auch Bewertungskategorien umfasse. Bewertung sei dabei als prozessuale und konventionalisierte Handlung der Einschätzung zu verstehen, die ordnend wirke und sich auf konventionalisierte Werte beziehe. Das Interesse des USRN konzentriere sich deshalb vor allem auf die Dynamik von Wertarrangements und Bewertungspraxen, also auf die Veränderung von Werten und den daraus entstehenden Einfluss auf den urbanen Raum.

DAVID BRITAIN (Bern) und BEATRIX BUSSE (Bern) stellten zwei Perspektiven der anglistischen Linguistik vor. Beatrix Busse untersuchte korpuslinguistisch sprachliche und multimodale Konstitutionen von Raum am Beispiel von Brooklyn/New York unter Fokussierung unterschiedlicher lokale Identitäten. David Britain konzentrierte sich aus variationslinguistischer Perspektive auf London, wobei er die Frage diskutierte, wie Mobilitätsbewegungen die Entwicklung von urbanen und ländlichen Varietäten beeinflussen.

ANJA STUKENBROCK (Freiburg) und ELWYS DE STEFANI (Bern) erweiterten das Themenspektrum des ersten Tages durch eine konversationsanalytische Perspektive und die Analyse multimodaler Praktiken am Beispiel von Stadtführungen. Dabei konzentrierten sie sich auf das Zusammenspiel von sprachlicher Beschreibung urbanen Raums und körperlichen Handlungen und stellen verschiedene Bewertungsmuster vor. Zentral seien vor allem unterschiedliche Wertakteure, wie beispielsweise der Stadtführer, die Touristengruppen sowie in den Führungen thematisierte, metareflektierte und bewertete Personen.

Im Abschluss daran stellten GESINE SCHIEWER (München) und ALEXANDER ZIEM (Düsseldorf) konflikt- und kognitionslinguistische Zugänge dar. Gesine Schiewer betonte, dass kognitive Einschätzungsprozesse von individuellen resp. gruppenspezifischen Präferenzen abhängig seien, was in soziokulturell-mehrsprachigen städtischen Ballungsräumen oft zu Konflikten führe, die den urbanen Raum prägen. Alexander Ziem ergänzte diese Perspektive um die Frage, wie sich Repräsentationen von Raum sprachlich äußern und ob sie sich in musterhaftem Sprachgebrauch verfestigen und sich über die Frame-Analyse erfassen lassen.

Den zweiten Tag des Workshops eröffnete MARTINA LÖW (TU Darmstadt), die die linguistische Perspektive um stadtsoziologische und architekturtheoretische Ansätze erweiterte. Löw machte deutlich, dass Bewertungen wesentliche Auswirkungen auf die Entwicklung von Städten haben, dass jedoch bisher keine Hinweise darauf vorliegen, wie ebendiese Bewertungen zustande kommen. Zentral für die zukünftige Stadtentwicklung sei die Konzentration auf Routinen und Muster, die Bewohner und Besucher an einem Ort entwickelt haben um anhand der bestehenden Möglichkeiten und Ressourcen erfolgreiche Stadtentwicklung leisten zu können.

Nach einer ausführlichen Diskussion konnten zum Abschluss des Workshops wichtige Ziele für 2011 gefunden und zu einem Konzept für das Symposion 2011 in Bremen gebündelt werden. Die verschiedenen Perspektiven stellten dabei einen weitreichenden Zugang zum Thema „Bewertungen urbaner Räume“ dar und leisteten eine wichtige interdisziplinäre Vernetzung unterschiedlicher Forschungsansätze unter einem gemeinsamen Forschungsziel.

Anna Osterhus (Bremen)

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